SILICON SAVANNAH: DIE NEUE WELLE DER MODE

Koloniale Kontinuitäten aufbrechen, Wissen zurückgewinnen und die Zukunft der Mode aus afrodiasporischer Perspektive neu denken.

Was wäre, wenn die Zukunft der Mode bereits an Orten gestaltet wird, die die Branche historisch übersehen hat? Und was, wenn Afrika nicht erst aufholen muss, sondern aktiv dazu beiträgt, die Zukunft der Mode neu zu definieren?

Es gibt Momente, in denen ein Gespräch weit über den Raum hinauswirkt, in dem es stattfindet. Das EUNIC Imagine Festival 2026: Unweaving Fashion, das am 9. und 10. Oktober im Rahmen des internationalen Designfestivals Designblok in Prag stattfand, war ein solcher Moment. Die zweitägige Konferenz brachte Designerinnen, Wissenschaftlerinnen, Kulturschaffende und Branchenexpertinnen aus ganz Europa zusammen, um die Strukturen der Modeindustrie kritisch zu hinterfragen und neue Perspektiven auf eine gerechtere Zukunft der Mode zu eröffnen.

Für mich war es eine große Freude und Ehre, auf Einladung des Goethe-Instituts, Deutschland zu repräsentieren als Keynote-Speakerin und Panelistin. In meinem Beitrag Decolonizing Fashion: Inclusion, Representation & Ethical Supply Chains beleuchtete ich das Thema aus einer deutsch-afrodiasporischen, intersektionalen und dekolonialen Perspektive. Dabei verstehe ich Mode nicht allein als eine Branche, die von Ästhetik und Konsum geprägt ist, sondern als einen Raum, in dem Geschichte, Identität, Ressourcen und Macht miteinander verwoben sind.

Als Gründerin von Fashion Africa Now, einer internationalen Plattform und einem Netzwerk, das sich dem Abbau von Stereotypen, der Verschiebung dominanter Narrative und der Stärkung afrikanischer, afrodiasporischer und Schwarzer Perspektiven in der Mode verschrieben hat, beschäftige ich mich seit Langem mit den Fragen, die entstehen, wenn wir über die vorherrschenden Erzählungen der Mode hinausblicken.

Wer gestaltet die Branche? Wessen Wissen wird anerkannt? Wessen Arbeit hält sie am Laufen? Und wer profitiert letztlich von dem Wert, den sie schafft?

Diese Fragen standen im Zentrum der Konferenz.

Das System auftrennen

Die drei thematischen Schwerpunkte des Festivals – Reclaiming Resources (Ressourcen zurückgewinnen), Rethinking Labour (Arbeit neu denken) und Reimagining Systems (Systeme neu imaginieren) – beleuchteten einige der drängendsten Widersprüche der zeitgenössischen Mode. Von der Rohstoffausbeutung und Umweltzerstörung über unsichtbare Arbeit und ungleiche Lieferketten bis hin zu den Grenzen der Kreislaufwirtschaft wurde in den Diskussionen deutlich: Nachhaltigkeit lässt sich nicht auf die Frage nach Materialien oder technologischen Innovationen reduzieren. Vielmehr müssen wir die Systeme hinterfragen, die darüber entscheiden, wie Ressourcen gewonnen, wie Werte verteilt und wessen Interessen bedient werden.

Aus afrodiasporischer Perspektive ist diese Auseinandersetzung ohne die Anerkennung der Kolonialgeschichte nicht möglich. Die Mode hat sich nicht außerhalb kolonialer Strukturen entwickelt. Ihre globale Expansion wurde durch Ausbeutung, Handel, Migration und Arbeitsregime geprägt, die weit voneinander entfernte Regionen miteinander verbanden und dabei Reichtum und Macht höchst ungleich verteilten. Diese historischen Verflechtungen beeinflussen bis heute die Produktionssysteme der Gegenwart – von der Gewinnung der Rohstoffe über die Orte, an denen Kleidung hergestellt und verkauft wird, bis hin zu den Orten, an denen sie entsorgt wird.

Die Folgen dieser Ungleichheit sind bis heute deutlich spürbar. Wirtschaftlicher Wert konzentriert sich häufig im Globalen Norden, während Gemeinschaften im Globalen Süden überproportional die ökologischen und sozialen Kosten tragen. Textilabfälle werden über Ländergrenzen hinweg verschoben. Ressourcen werden Gemeinschaften entzogen, die oft nur einen Bruchteil des daraus entstehenden Wertes erhalten. Gleichzeitig werden das Wissen und die kreativen Leistungen genau dieser Gemeinschaften in Diskussionen über Innovation und Nachhaltigkeit allzu oft marginalisiert.

Repräsentation verändert das Bild. Die Umverteilung von Ressourcen verändert die Branche.

Dieser Unterschied ist entscheidend. Mehr Sichtbarkeit ist wichtig, doch Sichtbarkeit allein verändert nicht die Bedingungen, unter denen die Modeindustrie funktioniert. Eine Branche kann nicht glaubwürdig für sich beanspruchen, inklusiv zu sein, solange der Zugang zu Kapital, Entscheidungsprozessen, geistigem Eigentum, Marktchancen und der Teilhabe an geschaffenen Werten ungleich verteilt bleibt. Mode zu dekolonisieren bedeutet deshalb mehr, als ihre Bildsprache vielfältiger zu gestalten. Es bedeutet, jene Strukturen infrage zu stellen, die darüber entscheiden, wessen Kreativität gefeiert, wessen Expertise als legitim anerkannt und wer dazu ermächtigt wird, die Zukunft der Mode zu definieren.

Silicon Savannah: Über die etablierten Innovationszentren hinausblicken

Vor diesem Hintergrund eröffnet die Idee der Silicon Savannah einen spannenden Ausgangspunkt. Der Begriff wird vor allem mit dem Technologie- und Innovationsökosystem Ostafrikas, insbesondere Kenias, in Verbindung gebracht. Im Zusammenhang mit der sich wandelnden zeitgenössischen Modelandschaft lädt er uns jedoch auch dazu ein, die Schnittstellen zwischen Kreativität, Unternehmertum, Technologie und Einfallsreichtum auf dem gesamten Kontinent genauer zu betrachten.

Eine neue Generation Designerinnen, Kunsthandwerkerinnen und Unternehmerinnen entwickelt Antworten auf Herausforderungen, denen sich die globale Modeindustrie erst seit vergleichsweise kurzer Zeit mit wachsender Dringlichkeit widmet. Von Upcycling und Materialexperimenten über Reparatur und Wiederverwendung bis hin zu gemeinschaftsbasierten Produktionsformen zeigen diese Praktiken, dass Innovation nicht zwangsläufig dort entsteht, wo die etablierten Zentren der globalen Modeindustrie liegen.

Auf dem gesamten Kontinent arbeiten Kreativschaffende mit den Materialien, Infrastrukturen und Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. Dabei entwickeln sie neue Wege, Kleidung und Textilien herzustellen, in Umlauf zu bringen und ihre Lebensdauer zu verlängern. Unternehmerinnen im Bereich der Abfallverwertung – sogenannte Wastepreneurs – verwandeln ausrangierte Materialien in wirtschaftliche Chancen. Gleichzeitig erkunden Designerinnen, wie lokales Wissen und zeitgenössische Ansätze miteinander verbunden werden können, um neue Formen der Wertschöpfung zu schaffen.

Diese Entwicklungen verdienen es, aus sich selbst heraus verstanden zu werden – und nicht lediglich als Reaktionen auf westliche Nachhaltigkeitsagenden. Dabei geht es weder darum, den Einfallsreichtum angesichts begrenzter Ressourcen zu romantisieren, noch darum, afrikanischen Unternehmerinnen die Verantwortung für Umweltprobleme aufzubürden, die durch ein globales System entstanden sind, das sie nicht geschaffen haben. Ebenso wenig darf Innovation, die aus der Notwendigkeit heraus entsteht, als Rechtfertigung für unzureichende Infrastrukturen, eingeschränkten Zugang zu Finanzierung oder die fortgesetzte Verlagerung ökologischer Kosten auf afrikanische Gemeinschaften dienen.

Vielmehr fordern uns diese Praktiken dazu auf, neu zu überdenken, wo Innovation entsteht, wie sie anerkannt wird und was die globale Modeindustrie daraus lernen kann.

Afrika ist nicht nur eine Inspirationsquelle für die Zukunft der Mode. Afrikanisches Wissen, Kreativität und Unternehmertum sind Teil der Grundlage, auf der diese Zukunft aufgebaut werden kann.

Kreislaufwirtschaft ist keine neue Entdeckung

Einer der auffälligsten Widersprüche im gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdiskurs ist die Tendenz, Kreislaufwirtschaft als eine neue Innovation darzustellen. Lange bevor Nachhaltigkeit zu einem zentralen Anliegen von Luxusmarken und globalen Modekonzernen wurde, hatten viele afrikanische und indigene Gemeinschaften Praktiken entwickelt, die auf Reparatur, Wiederverwendung, Schneiderei, natürlicher Färbung, einem verantwortungsvollen Umgang mit Materialien und gemeinschaftlicher Handwerkskunst beruhten.

Diese Praktiken sind in unterschiedlichen kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Kontexten entstanden. Sie lassen sich weder auf eine einheitliche afrikanische Philosophie reduzieren, noch dürfen ihre Unterschiede übersehen werden. Dennoch zeigen sie, dass die Lebensdauer von Materialien zu verlängern, Resourcen wertzuschätzen und die Beziehungen zwischen Menschen, Handwerk und natürlicher Umwelt zu pflegen keine neuen Ideen sind.

Nicht als Marketingstrategie. Nicht als Luxus-Trend. Sondern als Wissen. Als Philosophie. Als Fürsorge.

Aus afrodiasporischer Perspektive bedeutet die Anerkennung dieser Geschichte zugleich einen Akt epistemischer Gerechtigkeit: anzuerkennen, dass Wissen an vielen Orten und in unterschiedlichen Traditionen entsteht – und dass die vorherrschenden Systeme der Anerkennung dieses Wissen nicht immer gleichermaßen wertgeschätzt haben. Wenn Praktiken, die von afrikanischen Gemeinschaften entwickelt und über Generationen hinweg gepflegt wurden, erst dann als Innovationen gelten, wenn einflussreiche globale Marken sie übernehmen, geht es nicht allein um Anerkennung. Es geht ebenso um Urheberschaft, Eigentum und wirtschaftlichen Wert. Wer erhält die Anerkennung für eine Idee? Wer kontrolliert ihre kommerzielle Nutzung? Wer profitiert von ihrer Verbreitung? Und werden die Gemeinschaften, deren Wissen diese Innovationen prägt, tatsächlich an dem Wert beteiligt, zu dessen Entstehung sie beitragen?

Diese Fragen sollten im Zentrum jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit ethischen Lieferketten und zirkulärer Mode stehen.

Von Inklusion zur Umverteilung von Ressourcen

Was mir vom EUNIC Imagine Festival besonders in Erinnerung geblieben ist, war nicht nur die geballte Expertise, die in Prag zusammenkam, sondern auch die Möglichkeit, gemeinsame Anliegen über unterschiedliche nationale und berufliche Kontexte gemeinsam zu beleuchten.  Trotz unserer unterschiedlichen Geschichten und Arbeitsrealitäten setzen sich viele von uns mit ähnlichen Fragen auseinander: mit Arbeit, Ressourcen, Repräsentation und der Möglichkeit, Systeme zu schaffen, die den Menschen und unserem Planeten gleichermaßen gerechter werden.

Das Festival eröffnete einen Raum, in dem diese Perspektiven aufeinandertreffen konnten – nicht, weil wir alle dieselben Erfahrungen teilen, sondern weil ein bedeutungsvoller Austausch es ermöglicht, Unterschiede als Quelle von Wissen zu begreifen, statt sie als Hindernis für Zusammenarbeit zu betrachten. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Modeindustrie Gefahr läuft, genau jene Ungleichheiten zu reproduzieren, die es eigentlich überwinden möchte. Neue Materialien, Wiederverkaufsplattformen, Recyclingtechnologien und gesetzliche Rahmenbedingungen können zweifellos zu Veränderungen beitragen. Doch keine dieser Maßnahmen allein kann ein gerechteres System garantieren.

Wir sollten uns auch fragen, wer Zugang zu den Ressourcen hat, die notwendig sind, um diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Welche Designerinnen können es sich leisten, zu experimentieren? Welche Hersteller können die neuen regulatorischen Anforderungen erfüllen? Welche Unternehmen haben Zugang zu Investitionen und internationalen Märkten? Und wessen Perspektiven fließen ein, wenn die Regeln für die Zukunft der Branche festgelegt werden?

Eine gerechte Transformation erfordert mehr, als bislang übersehene Stimmen in bestehende Strukturen einzuladen. Sie verlangt die Bereitschaft, diese Strukturen selbst zu hinterfragen, Chancen neu zu verteilen und Bedingungen zu schaffen, unter denen unterschiedliche Wissensformen und Expertisen Entscheidungen tatsächlich mitprägen können. Hier muss Inklusion mehr werden als ein Versprechen. Sie muss gelebte Praxis werden.

Wir können eine andere Zukunft nicht allein weben

Meine Teilnahme an Unweaving Fashion hat mir einmal mehr bestätigt, was ich für die vor uns liegende Arbeit als wesentlich erachte: Eine tiefgreifende Transformation hängt davon ab, ob es uns gelingt, über isolierte Initiativen hinauszugehen und eine partnerschaftliche, langfristige Zusammenarbeit aufzubauen.

Kein einzelnes Land, keine Gemeinschaft, keine Designerin, keine Institution und keine Organisation kann das Modesystem allein transformieren. Wir brauchen Dialog über Ländergrenzen hinweg, Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Partnerschaften, die auf gegenseitigem Respekt statt auf einseitiger Ausbeutung beruhen. Wir brauchen Institutionen, die bereit sind, Perspektiven Raum zu geben, die historisch ausgeschlossen wurden. Wir brauchen Unternehmen, die bereit sind, nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Recourcen zu teilen. Und wir brauchen ein Modeökosystem, in dem Zusammenarbeit konkrete Chancen, gerechtere Beziehungen und gemeinsamen Wohlstand hervorbringt.

Mein aufrichtiger Dank gilt dem Goethe-Institut für die Einladung, Deutschland zu vertreten, und dafür, die Voraussetzungen für diesen bedeutungsvollen Austausch geschaffen zu haben. Ein herzliches Dankeschön an die Königliche Norwegische Botschaft für den herzlichen Empfang und die wunderbare Gastfreundschaft. Ebenso dankbar bin ich den Organisatorinnen, der Kuratorin Lena Fließbach, meinen Mitwirkenden auf den Podien und allen Teilnehmenden, die ihr Wissen eingebracht, bestehende Annahmen hinterfragt und zu einem Dialog beigetragen haben, der weit über die Konferenz hinaus weitergeführt werden sollte. Denn das alte System aufzutrennen, ist erst der Anfang. Die größere Herausforderung besteht darin, uns vorzustellen, was danach kommen kann – und diese Zukunft gemeinsam aufzubauen.

Unterschiedliche Geschichten. Vielfältige Wissenssysteme. Gemeinsame Verantwortung. Kollektive Vorstellungskraft.

Die Zukunft der Mode ist nichts, was wir füreinander gestalten. Sie ist etwas, das wir miteinander gestalten.

Und vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht allein, wer die Zukunft der Mode definieren darf, sondern ob wir bereit sind, die Ressourcen zu teilen, die notwendig sind, um diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen.

Wir können es nicht allein schaffen. Wir können es nur gemeinsam schaffen.

Bilder in Präsentation: MAXHOSA, THE REVIVAL, ZENAM

Photos: Pavlina Jàchhimovà
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Beatrace Oola ist Gründerin von Fashion Africa Now, einem internationalen Netzwerk und einer Medienplattform.