Wir freuen uns, den Spielfilm BILLIE vorzustellen, der am 17. September 2026 in den deutschen Kinos startet.

BILLIE – Jenseits von Repräsentation: neue visuelle Narrative im deutschen Kino. Ein besonderer Moment für das deutsche Kino entfaltet sich auf der Leinwand: BILLIE stellt zwei Schauspielerinnen afrikanischer Herkunft ins Zentrum eines deutschen Spielfilms und entwickelt eine eigenständige visuelle Sprache, die von unterschiedlichen kulturellen Perspektiven geprägt ist. Hinter der Kamera übernehmen zahlreiche Schwarze Kreative zentrale Positionen – darunter auch das Kostümbild. Damit geht es nicht nur darum, wer auf der Leinwand repräsentiert wird, sondern auch darum, wer die visuelle Sprache eines Films mitgestaltet.

Im Mittelpunkt von BILLIE stehen zwei Freundinnen, deren Alltag plötzlich aus den Fugen gerät. Nachdem sie wegen 300 Euro in einer Bank feststecken, werden sie unerwartet für Bankräuberinnen gehalten. Was als absurde Situation beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über Freundschaft, Solidarität und Selbstbestimmung – erzählt mit Humor, Wärme und einer guten Portion Chaos.

Doch BILLIE erzählt über seine Bilder noch eine weitere Geschichte: die Geschichte dessen, was entstehen kann, wenn kulturelle Perspektiven nicht als etwas verstanden werden, das erklärt oder übersetzt werden muss, sondern als selbstverständlicher Teil des kreativen Prozesses.

Als Head of Kostümbild habe ich gemeinsam mit dem Kostümdepartment die visuelle Welt der Figuren entwickelt. Dabei ging es nie darum, für einen deutschen Film einfach „afrikanische“ Kleidung zu finden.

Noch bevor der erste Stoff ausgewählt wurde, waren bereits Farben, Texturen, Silhouetten und Erinnerungen präsent. Regisseurin Sheri Hagen hatte eine klare Vision für die Welt des Films. Aus dieser Vision und der intensiven Auseinandersetzung mit den Figuren entstand eine Ästhetik, in der unterschiedliche Lebensrealitäten miteinander in Dialog treten.

African Fashion, Contemporary Design, Vintage, Afropunk und Material Innovation verbinden sich dabei zu einer eigenständigen visuellen Sprache. Unterschiedliche Einflüsse, Materialien und ästhetische Referenzen treffen aufeinander und werden Teil der Charaktere – ihrer Identität, ihrer Haltung, ihrer Geschichte und ihrer Art, sich in der Welt zu bewegen.

African Fashion ist Contemporary Fashion – vielfältig, innovativ, künstlerisch, spirituell und ständig in Bewegung. Sie wird von Designer auf dem afrikanischen Kontinent und in der gesamten Diaspora geprägt und immer wieder neu interpretiert.

Ihre visuellen Sprachen reichen von charakteristischen Silhouetten, High-End-Design und Maßanfertigung über Street Couture und Handwerkskunst bis hin zu Subkulturen, innovativen Materialien und avantgardistischen Designansätzen. African Fashion entsteht überall dort, wo afrikanische und afrodiasporische Designerinnen eigene Referenzen, Ästhetiken und Codes entwickeln.

Nicht einfach als Gegenentwurf zu westlicher Mode, sondern als selbstverständlicher Bestandteil zeitgenössischer Mode und ihrer sich stetig weiterentwickelnden Geschichte.

Diese Perspektive prägte auch das Kostümbild von BILLIE. Für den Film eine Tasche und Armstulpen aus Bananenfaser von Paul Kadjo angefertigt. Weitere Kleidungsstücke wurden maßgefertigt und greifen textile Traditionen auf – darunter Details, die an die Ästhetik der Nigerian Swiss Lace erinnern.

Mich interessiert besonders, was passiert, wenn kulturelle Referenzen nicht als dekoratives Element eingesetzt werden, sondern mit der Persönlichkeit und der inneren Welt einer Figur verbunden sind.

Ankh: Symbol für Leben, Vermächtnis und Kontinuität

Lange bevor viele der Geschichten, die wir heute kennen, niedergeschrieben wurden, war Kemet bereits ein Zentrum des Wissens, der Spiritualität und des kreativen Ausdrucks. Noch bevor vieles von dem entstand, was die westliche Welt heute mit „Zivilisation“ verbindet, existierte Kemet. Zentral dafür steht das das Ankh.

Das Ankh zählt zu den ältesten Symbolen der Menschheitsgeschichte.

In der visuellen Sprache von BILLIE wird das Ankh zu mehr als einem Symbol. Es schafft eine Verbindung zwischen Geschichte, Identität und Gegenwart. Über Generationen hinweg ist das Zeichen weit über seinen ursprünglichen historischen Kontext hinausgewandert. In der afrikanischen Diaspora wurde das Ankh in Schmuck, Mode, Kunst, Musik und Popkultur aufgegriffen – nicht allein als historischer Verweis, sondern als lebendiges Zeichen von Verbundenheit und Kontinuität.

Für Angie wird das Ankh beispielsweise zu einem charakteristischen visuellen Bestandteil ihrer Geschichte. Das antike Symbol, dessen Wurzeln in Kemet – der altägyptischen Bezeichnung für das Land Ägypten – liegen, steht für Leben. Im Kostümbild wird diese Bedeutung mit Angies Energie, ihrer Entschlossenheit zur Veränderung und ihrer Lebensleidenschaft verbunden.

Angie trägt außerdem Schuhe des senegalesischen Labels Nio Far – ein Name aus der Wolof-Sprache, der die Idee von „Wir sind eins“ oder „Wir gehören zusammen“ ausdrückt. Auch hier wird ein scheinbar kleines Detail zum Bedeutungsträger: Ein Schuh wird zum Symbol für Verbindung, Gemeinschaft und die Kraft des Miteinanders.

Manchmal kann ein kleines Zeichen plötzlich eine ganze Geschichte in sich tragen.

Für Rahel wiederum greift das Kostüm auf die Arbeit der Künstlerin Uniity zurück und nimmt damit eine besondere visuelle Sprache der Afropunk-Bewegung auf – einen Raum, in dem Individualität, Widerstand und Selbstexpression zu einem selbstverständlichen Teil der Ästhetik werden.

Afropunk: Wenn Stil zu Selbstbestimmung wird

Afropunk entstand an der Schnittstelle von Musik, Kunst, Film, Mode und Aktivismus – als kultureller Raum, geprägt von jungen, talentierten Menschen, die sich weigerten, sich in die Kategorien einordnen zu lassen, die ihnen zur Verfügung standen. Für eine afrodiasporische Generation, die sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Identitäten und Geschichten bewegte, eröffnete Afropunk eine kraftvolle Möglichkeit: sich selbst zu definieren, anstatt von außen definiert zu werden.

Afropunk ließ sich dabei nie eindeutig einem Genre zuordnen. Hip-Hop, Punk, Jazz, Mode und Aktivismus verbinden sich zu einer eigenen visuellen und authentischen Sprache. Seine Bedeutung liegt gerade in der Weigerung, sich festlegen zu lassen – auf einen Sound, eine Ästhetik, eine Identität oder eine einzige Vorstellung davon, wie Schwarzsein auszusehen hat.

Wer entscheidet eigentlich darüber, wie Schwarzsein aussieht, klingt und Raum einnimmt?

Aus afrodiasporischer Perspektive bekommt diese Frage eine besondere Bedeutung. Diasporische Identitäten entstehen durch Bewegung, Erinnerung, Austausch und ständige Neuerfindung. Kultur bleibt nicht an einem Ort stehen. Sie reist, verändert sich und kehrt in neuen Formen zurück. Afropunk verkörpert genau diesen Prozess – nicht als Suche nach einer einzigen, „authentischen“ Ausdrucksform von Schwarzsein, sondern als Beharren darauf, dass Schwarze Identität vielfältig, widersprüchlich, wandelbar und selbstbestimmt sein kann.

Damit steht Afropunk in einer längeren Geschichte Schwarzer Selbstbestimmung. Naturhaar, Locs, Braids und Afros stellten dominante Schönheitsideale infrage und bekräftigten die Schönheit Schwarzer Körper aus ihren eigenen Perspektiven heraus. Afrikanische Stoffe, Symbole und kulturelle Referenzen wurden zu Möglichkeiten, sich mit Herkunft und Geschichte zu verbinden und gleichzeitig etwas Neues zu schaffen. Afropunk ist jedoch mehr als eine Sprache des Widerstands.

Es ist auch eine Sprache der Möglichkeit und der bewussten Raumaneignung.

Seine Relevanz liegt in der Freiheit, aus unterschiedlichen Welten zu schöpfen, ohne die Verbindung zwischen ihnen erklären oder rechtfertigen zu müssen. Heritage kann auf Futurismus treffen. Verletzlichkeit kann neben Widerstandskraft existieren. Individualität kann Teil von Gemeinschaft sein. Afrikanische und afrodiasporische Einflüsse können neu interpretiert werden, anstatt lediglich bewahrt zu werden.

Gerade darin liegt die Bedeutung von Afropunk für die zeitgenössische Mode. Seine Ästhetik ist keine Rebellion um der Rebellion willen. Sie entsteht aus einem tieferliegenden Akt der Autorenschaft: aus der Möglichkeit, ein eigenes visuelles Vokabular zu entwickeln und selbst zu bestimmen, wie Identität in der Gegenwart sichtbar werden kann.

Aus afrodiasporischer Perspektive wird Mode damit zu mehr als Repräsentation. Sie wird zu einem Ort kultureller Aushandlung, Erinnerung und Selbstbestimmung.

Auch bei Felix, einem jungen, hippen und stilbewussten Influencer, der ständig in der digitalen Welt unterwegs ist – immer damit beschäftigt, zu filmen, festzuhalten und alles um sich herum zu teilen –, wird diese Spannung sichtbar. Je stärker er durch den Bildschirm auf die Welt blickt, desto mehr verliert er den Blick für das, was jenseits davon geschieht.

Sein Kostüm greift diese Ambivalenz auf: Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wear Your Values.“

Der Satz funktioniert dabei als weit mehr als ein Fashion-Statement. Er wird zu einer subtilen Frage an die Figur – und zugleich an uns als Publikum:

Nach welchen Werten leben wir eigentlich? Und welche Werte tragen wir als demokratische Gesellschaft tatsächlich nach außen?

Diese Referenzen sind nicht einfach visuelle Zitate. Sie werden zu einem selbstverständlichen Teil der Identität der Figuren und tragen dazu bei, eine visuelle Welt zu schaffen, die gelebt und authentisch wirkt – statt aus stereotypen Vorstellungen konstruiert zu sein.

Meine eigene afrodiasporische Perspektive ist dabei eine zusätzliche kreative Ressource – niemals eine Einschränkung. Sie bringt unterschiedliche visuelle Sprachen und Geschichten in meine Arbeit ein und eröffnet neue kreative Möglichkeiten. Gleichzeitig erlaubt sie mir, mich frei zwischen verschiedenen Ästhetiken zu bewegen.

Eine Figur muss nicht in ein kulturelles Bild passen. Das Bild muss zur Figur passen.

Genau deshalb kann African Fashion in BILLIE selbstbewusst und selbstverständlich erscheinen: als das, was sie längst ist – zeitgenössische Mode mit eigenen Silhouetten, Materialien und visuellen Codes.

Nicht als Exotisierung.

Nicht als Dekoration.

Sondern als selbstverständlicher Teil der zeitgenössischen Modewelt.

Das ist die Kraft des Kostümbilds.

Kleidung spricht, bevor eine Figur selbst spricht.

Eine Farbe kann eine innere Bewegung sichtbar machen.

Eine Silhouette kann Haltung ausdrücken.

Ein Material kann Erinnerung in sich tragen.

Ein Symbol kann eine Verbindung zwischen Herkunft und Gegenwart schaffen.

Identität ist kein Kostüm.

Aber Kostüm kann Identität sichtbar machen.

BILLIE

Kinostart in Deutschland: 17. September 2026
Deutschland 2025 | 108 Min.
Regie: Sheri Hagen

Der Film feierte seine Premiere beim Filmfest Hamburg 2025, wurde anschließend unter anderem beim Max Ophüls Preis gezeigt und 2026 beim Pan African Film & Arts Festival als Bester Spielfilm ausgezeichnet.

Besetzung

Ruby Commey
Thelma Buabeng
Timo Jacobs
Sannrae Rehnström
Joy Ewulu
Patrick Abozen
Anne Schäfer

Stab

Produktion: Equality Film
Regie: Sheri Hagen
Kamera: Cal Ola
Deutscher Verleih: Apollo Film
Sales & Distribution: Barnsteiner Film

Kostümdepartment

Head of Costume Design: Beatrace Oola
Costume Assistant: Paul Kadjo
Tailor / Designer: Tabitha Minott
Wardrobe & Temporary Assistant: Mirjana Ikuye
Costume Design Intern: Mardjane Moussa

Kuratierte Auswahl der Designerinnen

In Jewls – Nina

Nio Far by Milcos – Angie

Paul Kadjo – Rahel

Etuk Atelier – Friedrich

Buki Akomolafe – Frau Müller

Emeka Suits – Felix

Alexandra Tamele, former fashion designer – Maya

 

Photograph: Hardy Brackmann

Mehr dazu auf Fashion Africa Now.